Konzern- und Unternehmensdaten

Der Möbeleinzelhandel

Der Möbeleinzelhandel

Der Möbeleinzelhandel

Massive Rabattaktionen, boomende Onlineumsätze, immer mehr Billigimporte, Übernahmen und Neueröffnungen prägen die Situation im deutschen Möbeleinzelhandel. Die stationären Umsätze sinken – die Branche steht vor strukturellen Umbrüchen. Nun setzt XXXLutz mit seiner aggressiven Expansionspolitik den Branchenprimus Ikea unter Druck. Die Leidtragenden dieses erbitterten Verdrängungswettbewerbs sind vor allem die kleinen Geschäfte.

Daten und Fakten

  • Rund 100.000 Beschäftigte erwirtschaften in 8.800 Unternehmen einen Umsatz von knapp 34 Mrd. Euro.
  • Vertriebsformate: Vollsortiment (z.B. Ikea), Discounter (z.B. Roller), Fachhandel (z.B. Dänisches Bettenlager).

  • Zusammenschlüsse: Die meisten Möbel-Einzelhändler sind in Einkaufsverbänden zusammengeschlossen um so ihre Marktmacht gegenüber dem produzierenden Gewerbe zu verbessern.
     

Umsatz: 2017 wurden im deutschen Möbeleinzelhandel 33,6 Milliarden Euro umgesetzt - das entspricht einem Plus von 0,5 Prozent zum Vorjahr. Damit lag die Branche deutlich unter dem Zuwachs des Einzelhandels insgesamt. In den letzten acht Jahren war der Umsatz stetig gestiegen – nun findet Wachstum nur noch im Netz statt. Auf der Fläche ging der Umsatz zurück. Da auch in diesem Segment immer mehr Kunden das Internet nutzen leidet der stationäre Möbelhandel an Umsatz- und Frequenzrückgang.  

Möbelimporte: Immer mehr billige Massenware aus dem Ausland drängt auf den deutschen Markt. Die Importrate beträgt bereits 65 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahre 2000 waren es gerade einmal 33 Prozent. Mehr als die Hälfte der gesamten Möbelimporte kommt heute aus Polen, China und der Tschechischen Republik (welt.de, 13.1.2018).

Onlinehandel: Ähnlich wie in der Baumarktbranche wirbelt das Internet nun auch den Möbelhandel durcheinander. Zwar liegt der Onlineanteil hier noch unter zehn Prozent, die Onlineumsätze legen jedoch weiterhin zweistellig zu. Derzeit stellen Möbel, Lampen und Dekoration schon die 6. größte Warengruppe beim E-Commerce. Im ersten Quartal 2018 zeigte sich hier mit einem Plus von 13 Prozent das größte Wachstumspotential im gesamten Onlinehandel (BEVH, PM vom 16.4.2018). Alle großen (stationären) Möbelhändler stärken ihre Internetpräsenz. Den größten Onlineumsatz generierte zuletzt die Otto-Gruppe. Home24 plant an die Börse zu gehen. Ziel ist es, rund 200 Millionen Euro für die weitere Expansion einzusammeln (faz.net, 18.5.2018).

Die 5 größten Online-Shops für Möbel und Haushaltswaren 2016
Unternehmen Umsatz in Millionen Euro  
Otto.de 689  
Amazon.de 320  
Ikea.de 186  
Home24.de 170  
Tchibo.de 103  

Quelle: Statista 08/2017

Verkaufsfläche: In den letzten Jahren ist die gesamte Verkaufsfläche deutlich ausgedehnt worden. Da der stationäre Umsatz sich rückläufig entwickelt sinkt der Umsatz pro Quadratmeter, der Wettbewerbsdruck steigt. Von den derzeit vorhandenen 23 Millionen Quadratmetern entfallen 5,7 Millionen auf 165 Riesen-Möbelhäuser mit mehr als 25.000 qm Verkaufsfläche (bwb-online.de, 1/2018). Der Expansionsdrang von XXXLutz, Höffner, Porta u.a. führte zum Bau immer größerer „Möbelpaläste“. In einigen Regionen finden regelrechte „Möbelkriege“ statt, dort wird von den Großen durch Neuansiedlungen der Druck auf den bereits stark besetzten Markt noch zusätzlich erhöht.

Das Flächenwachstum hat sich zwischenzeitig etwas abgeschwächt, es wird weniger gebaut als in den Jahren zuvor. Gleichzeitig finden zahlreiche Schließungen in der „Mitte des Marktes“ statt. Immer mehr Kleine verschwinden vom Markt.

 

Rabattschlachten: Im deutschen Möbelhandel ist immer Rabattschlacht. Fast Alle versuchen ihr Heil in Rabattaktionen – die aber nicht mehr so wirken wie gewünscht. Insider warnen, „die Händler dürften Möbel nicht verramschen“ (HB vom 9.1.2018). Auch aus dem zuständigen Handelsverband dringen kritische Kommentare: „Immer höhere Rabatte ähneln Medikamenten, die in Überdosis oft immer weniger Wirkung erzeugen“, so der Hauptgeschäftsführer Möbel und Küchen (HB vom 28.1.2017).

Verdrängungskampf: Der Rückgang im stationären Handel, der Import billiger Massenware, langanhaltende Rabattschlachten und das Internet führen zu einer deutlichen Verschärfung des Wettbewerbs. Zulegen können dabei auch Billiganbieter wie die NRW-Unternehmen Roller und Poco. Der Discountbereich bei Möbeln boomt! Branchenkenner prophezeien eine weitere „Marktbereinigung“ – vor allem inhabergeführte kleinere Geschäfte sind gefährdet, sie geraten durch Großflächen, Discounter und Online-Händler unter massiven Druck. In den letzten fünf Jahren sind bereits zwanzig Prozent der Handelsunternehmen aus dem Markt ausgeschieden. 

Konzentration: Generell ist der Möbelhandel noch mittelständisch geprägt – aber der Konzentrationsprozess schreitet immer weiter voran. Auch im Möbeleinzelhandel heißt es dass die Großen immer größer werden. Die Top 10 konnten 2017 mehr als 50 Prozent des gesamten Branchenumsatzes auf sich vereinen und weitere Marktanteile hinzugewinnen. Seit 1998 haben die zehn Größten ihre Umsätze insgesamt um 140 Prozent steigern können, auf 18 Mrd. Euro. Rund die Hälfte davon entfällt auf die TOP 3, Ikea, Lutz und die Höffner-Gruppe.

  • „Gigantenrennen der Möbelhäuser“ (RP).
     

Große Anbieter sind ökonomisch im Vorteil - sie können beim Hersteller große Mengen abnehmen und damit günstigere Einkaufspreise durchsetzen. Das verschafft ihnen gleichzeitig zusätzlichen Spielraum bei den Verkaufspreisen. Die Konzentration vollzieht sich im Wesentlichen mittels Übernahme bestehender Unternehmen. Aktuelles Beispiel ist die Komplettübernahme der Nr. 6 Poco, durch den Branchenzweiten Lutz.  

  • „Möbelriese XXXLutz rückt Ikea auf die Pelle“ (focus.de vom 14.5.2018).
     

Weitere spektakuläre Übernahmen werden folgen. Derzeit gibt es noch rd. fünfzig Möbelhändler, die Einrichtungshäuser von mindestens 25.000 qm Verkaufsfläche betreiben. Sie sind entweder als „Einzelkämpfer“ oder als regionale Anbieter mit mehreren Standorten am Markt – und damit begehrte Objekte von XXXLutz & Co.

 

Die Top 10 im deutschen Möbelhandel 2017
Unternehmen Umsatz in Mrd. Euro
Ikea 4,86 Mrd. Euro
XXXLutz 2,21 Mrd. Euro*
Höffner 2,01 Mrd. Euro*
Otto Group 1,7 Mrd. Euro*
Tessner (Roller) 1,62 Mrd. Euro
Poco 1,54 Mrd. Euro
Porta 1,35 Mrd. Euro
Segmüller 1,1 Mrd. Euro*
Dän. Bettenlager 1,04 Mrd. Euro
Amazon 0,58 Mrd. Euro*

Quelle: Statista 2017/ *) geschätzt.

Risikoverlagerung: Die meisten Unternehmen im Möbelhandel sind nicht tarifgebunden. Eine Ausnahme bildet Ikea. Die Händler versuchen die Risiken ihres Geschäfts auf die Mitarbeiter abzuwälzen. Sie zahlen den Beschäftigten ein vergleichsweise geringes Fixum – der übrige Teil ist erfolgsabhängig und wird vom Umsatz bemessen. Um ein angemessenes Einkommen erzielen zu können sind oft Überstunden und fehlende Rücksicht auf Schonzeiten während der verkaufsintensiven Tage vorprogrammiert.

Gleichzeitig versucht der Möbelhandel sein unternehmerisches Risiko immer stärker auch an die Möbelhersteller weiterzugeben.

Aus Sicht der Kunden ... bietet sich ein recht zwiespältiges Bild. Zum einen profitieren sie sicherlich von günstigen Preisen, gleichzeitig nimmt aber vielerorts die Beratungsqualität ab. Und auch die Vielfalt des Angebots geht immer mehr verloren. Die großen Anbieter bestimmen „welche Art von Betten, Schränken, Sesseln und Sofas mit welchem Design produziert werden“ (faz.net, 8.8.2013).

 

Anhang: Kurzporträts - Große Möbelhändler mit Sitz in NRW
Roller

Roller ist ein Tochterunternehmen der Tessner-Gruppe. Diese befindet sich zu 100 Prozent im Besitz der Fam. Tessner. Sitz der Holding ist Goslar. Vertriebslinien von Tessner sind Roller, Tejo, Schulenburg und Meda.

 

Roller GmbH & Co. KG

Gegründet: 1969; Firmensitz: Gelsenkirchen.

Über 6.000 Beschäftigte, ca. 150 Discount-Einrichtungsmärkte

 
Porta

Porta Möbel GmbH & Co. KG (Holding).

Gründung: 1965 von Wilhelm Fahrenkamp und Herrmann Gärtner.

Firmensitz: Porta Westfalica.

Firmenleitung: Birgit Gärtner und Achim Fahrenkamp.

Vertriebslinien: Porta, Hausmann, SB-Märkte Boss.

rd.  8.000 Beschäftigte.

 

 

Abkürzungen: BEVH = Bundesverband E-Commerce und Versandhandel; BVDM = Bundesverband Möbel und Küche; FAZ = Frankfurter Allgemeine Zeitung; HB = Handelsblatt; RP = Rheinische Post; WZ = Westdeutsche Zeitung.

Siehe auch: Ikea, XXXLutz, Krieger-Gruppe

Dr. Jürgen Glaubitz/Mai 2018