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Armes Schwein

Armes Schwein

Nur wenige Tage nachdem bei Westfleisch in Coesfeld Hunderte Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet wurden und die Presse (zum wiederholten Mal!) über die skandalösen Bedingungen in vielen deutschen Fleischfabriken berichtete, startete Aldi eine neue Preisrunde. Ungeachtet der neuerlichen Diskussion um die Fleischbranche fordert Aldi rasche Preissenkungen beim Schweinefleisch.

Passend zur Eröffnung der Grillsaison wird also Billigfleisch auf den Markt geworfen. Dies sei schließlich ganz im Interesse der Verbraucher, argumentieren die Händler. Der Deutsche brutzelt nun mal gerne, er gibt viel Geld aus für seinen Grill, und möglichst wenig für das was oben drauf kommt. Hauptsache billig.

  • „Mann, ist das ne Wurst“ (aus der Werbung). 

Stimmt das? Wollen die Deutschen wirklich immer mehr Billigfleisch - auf Teufel komm raus? Geht es Aldi, Lidl & Co. tatsächlich darum den „König Kunde“ mit Tiefpreisen zu verwöhnen. Oder geht es ihnen um ganz andere, weniger noble Ziele?

Welchen „Preis“ hat dieses billige Fleisch eigentlich? Betroffen sind ja nicht nur die armen Schweine in den Mastfabriken und die Arbeiter bei Tönnies, Vion, Westfleisch & Co. Betroffen sind letztendlich auch die Verbraucher, denn der Verzehr von billig produziertem Fleisch ist alles andere als gesundheitsfördernd...

 

Armes Schwein

Die Billigpreise im Handel haben eine bittere Kehrseite. Mastschweine leben in kargen Buchten mit Spaltenböden. Beim konventionellen Schweinemäster werden die Tiere unbarmherzig auf Wachstum getrimmt. Verletzungen und Verhaltensstörungen wie Schwanz- und Ohrenbeißen sind oft die Folgen. Besonders übel ist die Fixierung in Kastenständen.

  • „Das hält kein Schwein aus“ (Redewendung).

Massentierhaltung für billiges Fleisch bedeutet oft unsägliche Tierqualen. Jedes fünfte hierzulande „für die  Fleischindustrie geborene Schwein erreicht das Schlachtalter gar nicht, weil es erkrankt oder verletzt wird.“ Mehr als 13 Millionen Schweine werden vorzeitig „notgetötet“ (spiegel.de vom 22.10.2019).

Im letzten Jahr wurden hierzulande 55 Millionen Schweine geschlachtet. Der größte Teil davon stammt aus einer inländischen Zucht. Jedes dritte Schwein wird in der Fa. Tönnies, Rheda-Wiedenbrück geschlachtet

 

Alles für das Tierwohl?

Bei Kritik an den oft saumäßigen Zuständen wird immer wieder auf das Tierwohllabel verwiesen. Dieses ist ein Gütesiegel, welches helfen soll die Bedingungen der Haltung, des Tiertransports und der Schlachtung von Tieren zu beurteilen. Es wurde 2018 erstmals vorgestellt und zwischenzeitig überarbeitet.

Das Tierwohllabel stand von Anfang an in der Kritik. Der Stern bezeichnete es als „eine der größten PR-Lügen der vergangenen Jahre“ (stern.de 29.5.2017). Kritiker sprachen von einem „Alibi-Label“. Und auch die Neufassung bringt in Bezug auf die Haltung von Tieren keine echte Verbesserung. Ein 110 kg schweres Schwein hätte danach 0,90 qm Platz, statt bisher 0,75 qm. Kritiker sehen beim „Tierwohl“ ein weiteres Gütesiegel ohne weitere Verbesserung. Die Teilnahme an der Kennzeichnung bleibt zudem freiwillig. 

  • „Billigfleisch ist das Ergebnis einer Agrarpolitik, die kein verbindliches Tierwohl-Label einführt. Bei dem mit Medikamenten vollgepumpten Industriefleisch stellt sich nicht die Frage: Ist das Tierwohl? Sondern: Ist das wohl Tier?" (extra 3, vom 23.1.2020)

 

Knochenjobs in der Fleischfabrik

Kurze Zeit war die Empörung groß über die skandalösen Bedingungen, unter denen die ausländischen Billigkräfte hierzulande arbeiten und leben müssen. Dabei ist das Thema ja nicht neu. 2016 berichtete Die Zeit: „Sie schlafen zu Viert auf dünnen Matratzen, arbeiten mehr als 12 Stunden und verdienen kaum mehr als 1.000 Euro im Monat“ (zeit.de vom 3.4.2016). Vor drei Jahren berichtete die gleiche Zeitung über Clemens Tönnies, den größten Schweineschlachter in Deutschland (und im Nebenjob noch Chef von Schalke 04): „Tausende Arbeiter aus Polen, Rumänien und Ungarn arbeiten bei knapp über null Grad, verdienen pro Stunde nur wenige Euro. Diese Menschen haben Tönnies reich gemacht“.

  • „Der König der Schweine“ (zeit.de, vom 5.11.2017).

Die Süddeutsche schrieb ein Jahr später: „Sie kommen aus Bulgarien, Rumänien oder der Ukraine, arbeiten in Schlachthöfen, zerlegen im Akkord Schweine oder Rinder. Mit der Armee von Lohnarbeitern ist das reiche Deutschland zum Billigland für Schlachter geworden“(SZ vom 13.12.2018).

Die erste massive Kritik an der Fleischindustrie kam übrigens aus Amerika. Upton Sinclair schrieb in seinem Bestseller-Roman Der Dschungel von 1906 über die skandalösen hygienischen Zustände der Schlachthöfe und über das Schicksal europäischer Einwanderer, die wie Sklaven in den Fleischfabriken von Chicago schuften mussten. Die Hauptfigur ist Jurgis Rudkus, ein Einwanderer aus Litauen... Allzu viel scheint sich da im Grundsatz nicht verändert zu haben.

Die prekären Arbeits-und Wohnbedingungen von ausländischen Arbeitnehmern sind seit Jahren bekannt, vieles erinnert an frühkapitalistische Zustände. „Ausgebeutet werden Tier und Mensch“ kritisiert die zuständige Gewerkschaft NGG die Arbeitgeber der Fleischwirtschaft. Der ruinöse Preiskampf finde auf dem Rücken von Tier und Mensch statt. Über den Missbrauch von Werkverträgen hatte die NGG schon 2013 aufmerksam gemacht. Diese würden „mit oft dubiosen Firmen abgeschlossen um ausländische Arbeitnehmer mit Niedriglöhnen abzuspeisen“. Das Subunternehmertum sei die Wurzel des Übels...

Die Bundesregierung hat nun endlich reagiert und ein Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie ab 2021 beschlossen. Für ein Geschäftsmodell, das Ausbeutung und eine Ausbreitung von Pandemien in Kauf nimmt, könne es in Deutschland keine Toleranz geben, so Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD).

Aus Sicht der NGG ist es ein guter Anfang, damit der Missbrauch von Werkverträgen in der Fleischindustrie und die Ausbeutung der in Sub-, Sub-Subunternehmen arbeitenden Werkvertragsbeschäftigen beendet werden kann. Notwendig seien aber jetzt vor allem auch schärfere Kontrollen (NGG, Pressemitteilung vom 20.5.2020).

 

„Saubillig“: Preiskrieg ums Fleisch

Mitverantwortlich für die Missstände sind die Großen Vier des Lebensmittelhandels: Aldi, Lidl, Edeka und Rewe. Zusammen kontrollieren sie 85 Prozent des gesamten Lebensmittel-Einzelhandels. Mit ihrer enormen Nachfragemacht beherrschen sie die gesamte Lieferkette, setzen Zulieferer und Hersteller massiv unter Druck und senken so die Einkaufspreise.

Es geht ihnen – im wahrsten Sinne des Wortes - um die Wurst! Nämlich darum, ihren Marktanteil noch weiter auszubauen. Das wichtigste Instrument dabei ist der Preis. Aldi und Lidl kämpfen um die Preisführerschaft im Discountsegment. Ein wichtiges „Kampffeld“ ist Fleisch, und billige Schnitzel und saubillige Bratwürste sind die Lockvögel.

Die Folgen für Dritte interessieren dabei recht wenig! Die Abläufe sind immer die gleichen: Einer prescht vor, die drei anderen ziehen nach. Eine neue Runde im Preiskrieg ist damit eröffnet. Das Ziel ist Marktanteile zu gewinnen. Ein Mittel dabei ist Billigfleisch.

Händler schieben gerne den Verbraucher vor, dieser verlange halt nach diesen billigen Angeboten. Aber nicht der Kunde macht den Preis, sondern Aldi, Lidl & Co. Und sie sind auch verantwortlich für die Folgen dieser Politik! Dumpingwettbewerb über Fleischwaren ist eine Schweinerei. Solche Preiskriege finden auf dem Rücken von Mensch und Tier statt.

Zu guter Letzt: Es ist wohl kein Zufall, dass die drei Reichsten hierzulande Eigentümer von Aldi-Nord, Aldi-Süd und Lidl sind. Die beiden Aldi-Stämme und Dieter Schwarz (Lidl) haben zusammen ein Vermögen von über 70 Milliarden US-Dollar angehäuft (forbes-Liste 2020).

Ein Riesenvermögen, entstanden durch scharfes Kostenmanagement, brutalen Verdrängungswettbewerb und ständige Preiskriege. Die negativen Folgen tragen die Anderen!

Ein Teil dieses gigantischen Vermögens ist dadurch entstanden, dass Fleisch (und somit Tiere) regelrecht verramscht werden.

So kann es nicht weitergehen! Die Preiskriege zu Lasten von Mensch und Tier müssen aufhören. Höchste Zeit, dass die superreichen Discount-Könige auch einmal etwas Gutes tun! Zum Wohl von Tier und Mensch.

Wäre das nicht eine saugute Idee!

 

Dr. Jürgen Glaubitz

Juni 2020