Einzelhandel

Preiskrieg im Einzelhandel

Einzelhandel

Preiskrieg im Einzelhandel

Es scheint so, als würde sich im deutschen Einzelhandel alles nur um den Preis drehen: „Skandal-Preise. Unglaublich: Die ganze Woche Skandal-Preise bei Penny“; „Powershopping Week. 35 % in allen Abteilungen“ (XXXLutz); „Die absoluten Preis-Hammer“ (Media-Markt); „Schaffrath schenkt Ihnen die MwSt“; „Hammer-Preise“ (Lidl), „Rotstiftalarm“; „Schnäppchentarif“; „Bestpreis-Garantie“ – Rabattfeuerwerk von früh bis spät, Preisknaller wohin man auch schaut...

Die Werbung wird immer aggressiver. Und die Wortwahl auch: Vom Preiswettbewerb, über Preiskampf zu Preisschlachten und Preiskrieg. Man könnte meinen, der gesamte Handel befinde sich im Krieg.

Grund genug einmal genauer hinzuschauen. Gibt es neue Tendenzen im Wettbewerb? Und wer profitiert eigentlich von den niedrigen Preisen, wem nützt und wem schadet es – und wer zahlt am Ende die Rechnung?

 

Nichts Neues

Was sich derzeit im Einzelhandel abspielt folgt dem Muster eines nicht enden wollenden schlechten Fortsetzungsromans. Schon vor 20 Jahren hieß es: „Im Einzelhandel droht ein neuer Preiskampf“ (Welt vom 29.5.2000). Der damalige Rewe-Chef Reischl jammerte: „Wir stecken in einer Sackgasse“ (Tagesspiegel vom 5.11.2000). Zehn Jahre später konnte man lesen: „Aldi und Lidl liefern sich Preiskrieg“ (focus.de vom 5.3.2009). Kurz danach dann: „Die Lebensmitteldiscounter haben die achte Welle von Preissenkungen in diesem Jahr eingeläutet“ (Manager Magazin vom 9.9.2010). „Der deutsche Einzelhandel steckt in einem Preiskampf, den es so noch nicht gegeben hat“ (DW Nachrichten vom 10.2.2010). Drei Jahre später: „Real rüstet zum größten Preiskrieg seit Jahren“ (welt.de vom 11.11.2013). Anfang dieses Jahres dann dies: „Rewe sagt Aldi, Lidl & Co. den Kampf an“ (stern.de vom 4.4.2019). Und Mitte 2019 plakatierte Lidl in aggressiver Form gegen Aldi, Rewe, Edeka und andere: „Lidl lohnt sich. ALDI anderen sind teurer“... 

Preiskampf ist also nichts Neues, er gehört mittlerweile zum Handel wie die Bratwurst zum Fußball. Forciert wurde dies in der Vergangenheit vor allem durch die Discounter. Der boomende Onlinehandel hat die Situation an der „Preisfront“ noch weiter verschärft. Derzeit tobt eine neue Preisrunde zwischen Discountern und Supermärkten. Sie unterbieten sich in Sonderangeboten, z.B. bei Bananen - und mit neuen Aktionspreisen im Markensortiment. 

Die Verbraucher profitieren von den vielen Billigangeboten. Tiefpreise und Superrabatte empfinden die meisten Kunden mittlerweile als „normal“. Bei ihrer Kaufentscheidung heißt es oft „Hauptsache billig!“. 

 

Verdrängungskampf...

Der Preis ist ein wichtiges Mittel im Wettbewerb. Von Preiskrieg spricht man, wenn sich Wettbewerber preislich deutlich unterbieten und dabei (temporär) auch Verluste in Kauf nehmen. Ziel ist es den Konkurrenten Marktanteile abzuringen, bzw. Wettbewerber aus dem Markt zu drängen. Die ständigen Preisrunden drücken auf die Margen. Nicht jedes Unternehmen kann sich ein solches Vorgehen „leisten“. Nur die Großen der Branche haben die notwendigen finanziellen Reserven. 

Und Tiefpreise bei einigen Produkten, in bestimmten Teilen des Sortimentes bedeutet nicht, dass alle Waren „supergünstig“ angeboten werden. Die Konzerne verfahren meist nach dem Motto: „Eine Insel des Verlustes im Meer des Gewinns“. Trotz Preiskrieg konnten sie in den letzten Jahren hohe Profite einfahren, wie in den Geschäftsberichten nachzulesen ist... 

Die Folgen der Preiskämpfe sind gravierend: Zehntausende kleinerer Händler sind in den letzten Jahren aus dem Markt gedrängt worden. Gleichzeitig hat die Konzentration in der Branche rasant zugenommen. Die großen Handelskonzerne sind noch größer geworden.

 

... auf den Rücken anderer

Sie verfügen über eine enorme Marktmacht gegenüber Herstellern und Lieferanten. Sie können die Preisnachlässe im Verkauf leicht kompensieren - z.B. durch supergünstige Einkaufspreise. In der Konsequenz heißt das: Andere zahlen für die Schnäppchenpreise.

Beispiel Textilhandel: Kleidung wird seit jeher überwiegend dort produziert, wo es am billigsten ist. Der Großteil der Ware kommt aus den Billiglohnländern Asiens mit oft skandalösen Arbeitsbedingungen und miserablen Löhnen.

Beispiel Lebensmittel: Supermärkte und Discounter unterbieten sich in einem Wettstreit, z.B. bei Obst oder Weinen. Diesen Preisdruck bekommen unmittelbar die Erzeugerländer zu spüren. Von den miserablen Arbeitsbedingungen auf südafrikanischen Traubenfeldern oder Ananasplantagen in Costa Rica erfährt man nur wenig. Die Hilfsorganisation Oxfam macht in ihrem aktuellen Supermarkt-Check auf die  Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen in den Lieferketten deutscher Supermärkte aufmerksam. Das bittere Fazit: „Aldi, Edeka, Lidl und Rewe nehmen weiter in Kauf dass wirtschaftliche Ausbeutung und Leid Zutaten vieler Lebensmittel sind, die wir im Supermarkt kaufen“ (Oxfam, Supermarkt-Check 2019).

Auch hierzulande bekommen die Beschäftigten die Auswirkungen der permanenten Preisschlachten massiv zu spüren. Die gleichen Händler, die ihren Kunden niedrige Preise und hohe Rabatte gewähren, treten gegenüber ihren Beschäftigten als knallharte Controller auf. Für mehr Personal und angemessene Bezahlung ist angeblich kein Geld da! Die Personalkosten im Einzelhandel stehen seit Jahr und Tag unter Dauerdruck. Prekäre Beschäftigungsstrukturen, Tarifflucht, schlechte Arbeitsbedingungen und hoher Leistungsdruck sind „Begleiterscheinungen“ des Verdrängungskampfes. Das hat sich längst „rumgesprochen“ - der Handel hat ein massives Imageproblem und große Nachwuchssorgen!

Fazit: Die grelle, reißerische Welt der Tiefpreise und Rabatte hat eine hässliche Kehrseite: Für die günstigen Angebote im deutschen Einzelhandel müssen Andere einen hohen Preis berappen. Die Schnäppchenpreise für Bananen bezahlen Plantagenarbeiter mit ihrer Gesundheit. Der Preisdruck bei deutschen Supermärkten und Discountern führt zu brutaler Ausbeutung bei den Erntehelfern. Näherinnen fertigen billige Klamotten für einen Hungerlohn. Und Hunderttausende VerkäuferInnen und KassiererInnen hierzulande sind von Altersarmut bedroht.

 

Der Bananenkrieg

Seit einiger Zeit gibt einen irrsinnigen Wettstreit um die billigste Banane. Ein Kilogramm war zwischenzeitig schon für 79 Cent im Angebot. Derzeit werden sie für unter 90 Cent verkauft.

  • Angebot: Bananen, lose Ware 0,88 Euro kg (aldi-nord.de vom 16.7.2019).

Irrsinnig, weil die Folgen dieses Wettstreits bekannt sind: Je günstiger der Verkaufspreis, desto günstiger muss angebaut werden, desto mieser die Arbeitsbedingungen und desto geringer die Entlohnung. Je günstiger angebaut wird, desto mehr Chemie wird eingesetzt. Laboruntersuchungen haben bei den Billigbananen Pestizidrückstände ergeben – die Bio-Bananen waren dagegen frei davon (daserste.de vom 16.6.2019).

Übrigens: Als Lidl 2018 beschloss, zukünftig nur noch Fair-Trade-Bananen zu führen, konterte die Konkurrenz, allen voran Aldi, mit Bananen zum Schnäppchenpreis. Daraufhin ruderte Lidl wieder zurück.

Soziale Verantwortung? Fehlanzeige. Für ein billiges Lockangebot werden soziale Standards und sogar Menschenrechte mit den Füßen getreten. Auf der Firmenhomepage von Aldi liest man allerlei Vollmundiges über „die gelbe Königin der Tropen“ – allerdings kein Wort darüber dass Bananen derzeit auf Kosten von Mensch und Umwelt verramscht werden.

 

Zeit für eine Umkehr, Zeit für eine bessere Perspektive im Handel

Was die hochbezahlten Manager in den Konzernzentralen an Strategien entwickeln, dreht sich immerfort um die gleiche „Zauberformel“: Preise runter, Rabatte hoch! Bislang ist ihre Rechnung aufgegangen, bislang war diese Politik erfolgreich: Marktanteile wurden ausgebaut und die Marktmacht gefestigt.

Die Politik der permanenten Preiskämpfe mag sich vielleicht auch weiterhin für die Konzerne „auszahlen“. Doch diese Politik ist sozial unverantwortlich, und sie ist alles andere als nachhaltig.

Unternehmen tragen eine soziale Verantwortung! Und ja, das gilt auch für Edeka, Rewe, Schwarz, Aldi, Amazon, Metro und die anderen Marktführer. Sie müssen sich fragen lassen ob Profit und Marktanteile alleinige Maßstäbe ihres Handels bleiben sollen. Ober ob sie sich endlich auch ihrer Verantwortung stellen und für menschenwürdige Arbeitsbedingungen entlang der globalen Lieferkette einstehen. In Wort und in Tat!

Die Politik der Preiskriege zu Lasten Dritter kann nicht die Perspektive sein. Die öffentliche Kritik wird lauter werden! Vorstände mögen dies ignorieren, sie werden ihre Preispolitik dann wieder mit dem angeblich unstillbarem Kundeninteresse an Tiefstpreisen begründen. Dabei haben sie mit ihrer aggressiven Preispolitik die Kunden ja erst zu Schnäppchenjägern gemacht...

Höchste Zeit für ein Umdenken. Mit Preis, Preis, Preis allein geht es nicht weiter. Was soll ein aberwitziger Wettstreit um die billigste Banane, was sollen T-Shirts für 1,99 Euro – wenn die Konsequenzen dieser Ramschangebote offenkundig sind!

Eine weitsichtige, nachhaltige Unternehmenspolitik muss mehr auf Menschenrechte und soziale Verantwortung setzen. Der Einzelhandel muss auch sein Imageproblem lösen! Durch bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung. Und zwar im wohlverstandenen eigenen Interesse!

Last but not least: Auch die Verbraucher tragen eine soziale Verantwortung. 10 bis 20 Cent mehr für ein Kilo Fairtrade-Bananen auszugeben, das ist keine Frage des Geldbeutels, sondern eine Frage der Haltung. 

 

Dr. Jürgen Glaubitz

Juli 2019