Einzelhandel

Return to Sender *)

Return to Sender *)

Der Onlineboom hält an – Einkaufen im Internet wird immer beliebter. Nun entdecken auch mehr und mehr Ältere das Internet für sich. Die Zahlen sprechen für sich: 2018 wurden 53 Milliarden Euro im Einzelhandel online umgesetzt - in diesem Jahr werden es schon 59 Milliarden sein. Das sind elf Prozent des gesamten Umsatzes der Branche.

In dem Maße wie der Internethandel zulegt, steigt auch die Anzahl der versendeten Artikel und Pakete. Der Onlineboom heizt die Paketbranche an! Hier geht es um gigantische Stückzahlen. Ein Beispiel: Im letzten Weihnachtsgeschäft hat allein DHL pro Tag 11 Millionen Paketsendungen ausgeliefert.

Aber damit nicht genug: Amazon, Otto, Zalando & Co. schicken Millionen Pakete an ihre Kunden – und diese schicken sie in Massen wieder zurück. Jedes 6. ausgelieferte Paket wird heute retourniert.

Die Anzahl der Retouren (auch Warenrücksendungen oder Rückläufer) steigt kontinuierlich. 2018 wurden sage und schreibe 280 Millionen Pakete und 487 Millionen Artikel zurückgeschickt. Der Anteil der Personen in Europa, die online bestellte Waren zurücksendet, ist in Deutschland am höchsten.

 

  • „Die Retourenrepublik“ (spiegel.online).
     

Je nach Warengruppe ist die Retourenquote sehr unterschiedlich hoch. Bei Lebensmitteln ist sie gering, in den Bereichen Kleidung und Schuhe geht jedes zweite Paket zurück an den Absender! Wissenschaftler haben errechnet dass allein durch den Transport der Warenrücksendungen ein CO2-Verbrauch von 238.000 Tonnen entsteht. Eine enorme Belastung für Verkehr und Umwelt!

Was aber passiert mit den vielen Retouren? Die Uni Bamberg hat ermittelt: Von den knapp 500 Millionen Artikeln werden 79 Prozent wieder als A-Ware verkauft, 13 Prozent kommen als B-Ware auf den Markt. Ein weiterer Teil geht an industrielle Verwerter oder wird gespendet. Übrig bleiben vier Prozent sogenannter Retourenschrott, also Ware, die entsorgt wird. Medienberichte über die „massenhafte Vernichtung von Retouren“ hatten zwischenzeitig für Aufsehen gesorgt.

  • „Wir erleben eine Perversion der Wegwerfgesellschaft“ (Die Grünen).

Die Onlinehändler versuchen das Problem kleinzureden, schließlich ginge es ja nur einen geringen Prozentsatz. Fakt ist aber, dass es sich bei den vernichteten Waren immerhin um rund 18 Millionen Artikel handelt...

 

Retourenwettbewerb

Jede Retoure verursacht CO2, und darüber hinaus auch erhebliche Kosten für die Onlinehändler. Je nach Artikelgruppe zwischen 10 und 20 Euro. Retouren gelten deshalb als „Renditekiller“. Gleichzeitig aber sind Retouren Teil des Geschäftsmodells. So wirbt etwa Zalando ausdrücklich mit „kostenlosen Versand und Rückversand und 100 Tage Rückgaberecht“.

  • „Schrei vor Glück! Oder schicks zurück“ (ehemaliger Zalando-Slogan).

Untersuchungen haben ergeben: Je kulanter die Retourenpraxis desto höher sind die Retourenquoten. Die Händler beklagen die vielen und teuren Rückläufer, sorgen aber gleichzeitig dafür, dass die Retourenflut weiter ansteigt. Die Kosten der Retourensendung sind offenbar in den Waren eingepreist...

Wie geht es nun weiter mit diesem Wahnsinn? Wie kann die Ökobilanz beim Einkaufen verbessert werden? 

Die Verbraucher haben es grundsätzlich in der Hand ob sie im Geschäft einkaufen oder online bestellen. Ein Onlinekauf verschlechtert die Ökobilanz in mehrfacher Hinsicht, mit der Lieferung, bei der Rücksendung, den Verpackungsmaterialien und der Produktvernichtung.

Durch bewussteres Shoppen können Retouren verringert werden.

  • „Kaufen Sie nur die Dinge online ein, die Sie nicht einfach in der Nähe erhalten. Damit stärken Sie Ihre Händler vor Ort“ (Verbraucherzentrale).
     

Das Thema ist endlich auch in der Politik „angekommen“. Das Umweltministerium sieht „dringenden Handlungsbedarf“ und das Umweltbundesamt fordert eine Prüfpflicht für die Online-Plattformen, u.a. wegen der teilweise schlechten Produktqualität. Nach wirksamen Maßnahmen klingt das nicht gerade...

Und die Händler? Diese reden schon seit vielen Jahren (!) über Maßnahmen zur Retourenvermeidung. Dazu zählt u.a. auch eine bessere Produktbeschreibung.

Klar ist, wären die Retouren teurer, würden die Kunden an den Kosten beteiligt, gäbe es auch weniger Retouren. Doch genau das ist der Knackpunkt. Die kostenlose Retoure ist für viele Onlinehändler ein wesentliches Verkaufsargument – und für einige Große sogar ein aggressives Instrument im Wettbewerb. Hier geht es also nicht um Umwelt, sondern um Marktanteile und Profit.

War die öffentliche Aufregung über die Retourenflut und die massenhafte Vernichtung von Rücksendungen doch nur ein Sturm im Wasserglas? Geht der Retourenwahnsinn ungebremst weiter? 

*) Return to sender („Zurück an den Absender“) – ein alter Song von Elvis Presley.

 

Dr. Jürgen Glaubitz

Oktober 2019